Mittwoch, Oktober 21, 2026
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Weihnachten 2050 oder Erinnerungen an die Zukunft

Überall/Nirgendwo. Vor eini­gen Monaten ver­folg­te ich eine Diskussion von Zukunftsforschern, Ärzten und Biologen. Da ging es kon­kret um Möglichkeiten eines ewi­gen Lebens. Für alle, die von Unsterblichkeit träu­men, waren die Kernaussagen ernüch­ternd: Wir kön­nen viel­leicht durch gesun­den Lebenswandel und fort­schrei­ten­de Medizin und Gentechnik unser Leben ver­län­gern, aber irgend­wo im Zeitfenster zwi­schen 110 und 120 Jahren sehen die Experten die Grenzen unse­res Daseins erreicht. Der Tod gehört zum Leben, der „Generationswechsel“ ist Basis für alles Leben auf der Erde und eröff­net durch die Evolution den Fortbestand unter sich ändern­den Lebensbedingungen. Letztlich geben sich die Menschen aber mit der Tatsache des unaus­weich­li­chen Sterbens nicht zufrie­den. Trost geben Religionen, gera­de Weihnachten ist für Christen eine Quelle des Mutes, der Zuversicht und der Freude. Und das Osterfest mit der Auferstehung ist so etwas wie der Sieg des Lebens über den Tod. Im Kreis der Familie und mit bes­ten Freunden erle­ben wir, wie kost­bar unser Leben ist und wie schön es ist, mit unse­ren Lieben zusam­men zu sein.

Das Gefühl für die Kostbarkeit des Lebens könn­te jedoch bald ver­lo­ren gehen. Die Künstliche Intelligenz (KI) wird nicht nur unse­re Arbeitswelt kom­plett ver­än­dern, sie wird auch unser Bild von Leben und Tod weit­ge­hend zer­stö­ren. Weihnachten 2050 wird nichts mehr mit dem Fest heut­zu­ta­ge zu tun haben. Leben und Tod, Vergangenheit und Zukunft wer­den gänz­lich anders wahrgenommen.

Wenn sich also durch KI Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ver­wi­schen, will ich mich jetzt „erin­nern“ an Weihnachten 2050. Zugegeben: Dies wird etwas gru­se­lig, aber ich mache es trotzdem:

KI kauft Geschenke
Das Kaufen von Geschenken macht mir kei­nen Stress mehr. Weder muss ich mir über­le­gen, womit ich mei­nen Lieben eine Freude machen kann, noch muss ich die Geschenke besor­gen. Die KI ist Einkaufsberater und Einkäufer zugleich. Da sie seit Jahren nahe­zu alles über mich, mei­ne Familienangehörigen und Freunde weiß, wählt sie pas­sen­de Geschenke aus, kauft sie online mit Verpackungsauftrag ein und star­tet den Versand.

Kochen war einmal
Plätzchenbacken und das Zubereiten eines fest­li­chen Weihnachtsmenüs gehö­ren schon lan­ge der Vergangenheit an. KI-gesteu­er­te vir­tu­el­le Assistenten und Küchenroboter machen alles. Sie berei­ten das zu, was mei­nen Gästen schmeckt. Da mei­ne Tochter mit ihrer Familie im Süden Spaniens lebt und die Schwägerin in München wohnt, fei­ern wir das Weihnachtsfest gemein­sam in einem vir­tu­el­len Raum. Die KI hat ihn herr­lich weih­nacht­lich her­ge­rich­tet. Die längst eta­blier­te Weiterentwicklung auf Basis frü­he­rer AR-Brillen (Augmented Reality) macht es mög­lich, dass wir alle zusam­men erst unter dem vir­tu­el­len Weihnachtsbaum Geschenke aus­pa­cken, anschlie­ßend an einem vir­tu­el­len Tisch gemein­sam essen und den Abend ver­brin­gen. Als Gastgeber habe ich mein Weihnachtsmenü den KI-Assistenten in Spanien und München über­mit­telt, sodass wir ein gemein­sa­mes Essen haben.

Verstorbene fei­ern mit
Weihnachten 2050 oder Erinnerungen an die ZukunftDie ers­ten Avatare gab es ja schon in den Zwanzigern. Jetzt, fast 30 Jahre spä­ter, hat die KI auf Basis von Filmen, Fotos und Erzählungen längst ver­stor­be­ne Verwandte wie­der „zum Leben“ erweckt. Der bereits 2015 gestor­be­ne Opa Bernd und Oma Annegret, die 2021 von uns gegan­gen ist, sit­zen mit im vir­tu­el­len Weihnachtsraum. Aussehen, Mimik und Stimmen sind so, wie wir sie in Erinnerung haben. Die KI, die alles an Informationen über Oma und Opa gene­riert, macht es sogar mög­lich, dass sich die bei­den mit uns über Themen der Gegenwart unterhalten.

Keine schö­nen Aussichten
Die Erinnerungen an 2050 machen klar, dass die Aussichten wahr­lich kei­ne schö­nen sind. Das Menschliche geht ver­lo­ren, die KI nimmt uns viel. Wie schön ist es doch, in Boppard oder sonst wo durch die Straßen zu gehen und in Geschäften nach Geschenken zu suchen. Wie schön ist es, sich auf den ech­ten Besuch der Lieben zu freu­en! Das Vorbereiten des Weihnachtsfestes mit allen Einkäufen, dem Schmücken des Weihnachtsbaumes und nicht zuletzt dem Zubereiten des Essens gehört für mich zu Weihnachten. Und das Schlimmste ist: KI gefähr­det den Respekt vor Leben und Tod.

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